Vermutung

Vermutung

Geißelnde Schlange selbstsichernden ICHs,
zischelst vor mir, die giftspeienden Zähne gezückt:
Dolch aller Dolche
zerschneidet stückchenweise Vertrauen
bis Zermürbung
mich auffrißt:
atom.
Und nur noch das Gefühl
Eifersucht.

Diskussion: In fast jeder Beziehung gibt es dieses angebliche Drama – Eifersucht. Reale Eifersucht, virtuelle Eifersucht. Eifersucht wiederentdeckt den positiven Kern: Liebe.

Fast täglich liest man in den Zeitungen, dass wieder jemand aus Eifersucht umgebracht wurde. Eifersucht ein fast alltägliches Drama. In Foren, in denen  sich die Forenteilnehmer mit gegenseitiger Beratung helfen wollen, findet sich oft die Verzweiflung von Männern oder Frauen über außereheliche Kontakte des Partners / der Partnerin mit vollster Überzeugung: „Das geht ja gar nicht!“ Detailliert wird der Schmerz geäußert – Eifersucht, die psychische Belastung dieser Neuzeit. Geißelnde Schlange, Gift speiende Zähne, Dolch aller Dolche zerschneidet stückchenweise Vertrauen – GRAUSAM! „Sie ist ein sinnvolles Alarmsignal, wenn eine Liebesbeziehung bedroht ist“, wird geschrieben.

„Doch die Fähigkeit, Eifersucht zu spüren, so der Berliner Therapeut Wolfgang Krüger, ist grundsätzlich etwas Positives“, heißt es in einem Artikel der WELT (Link). Krüger hebt hervor, dass er das Positive des Eifersuchtgefühls in der Aussage und Feststellung sieht: „Ich möchte meinen Partner nicht teilen“ – wir sind nicht allzu weit entfernt von „Du bist mein“ (Link).

Sollte ein Partner in der Ehe fremdgehen, so kann dieses Fremdgehen aufgrund einer Vereinbarung zwischen den Partnern stattfinden, es kann aber auch aufgrund des Wunsches einer Person der Partnerschaft geschehen.

Für den Fall, dass die Partner in einer Beziehung sich nicht über das Thema „offene Ehe“ vereinbart haben, in dem Falle ist eine außerpartnerschaftliche Beziehung dazu geeignet, sämtliche Alarmglocken läuten zu lassen, es sei denn, dieses Fremdgehen hätte außerhalb der Kontrolle des freien Willens (Trunkenheit, KO- Tropfen …) stattgefunden.

Über den zweiten Fall, der Übereinkunft der Partner, schreibt Krüger: „In der Studentenbewegung der 70er-Jahre gab es ja den Wunsch, die Kleinfamilie nach außen zu öffnen und die Sexualität freizugeben. Dabei hat die Eifersucht einfach nur gestört. Sie galt als soziales Konstrukt, das man abstreifen kann.“ Ja, richtig, es war quasi der „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“. Ende der 60er Jahre begann der studentische Versucht der Umbewertung der Ethik. Die offene Beziehung war tatsächlich der tiefste Ausdruck dafür, dass die als antiquiert bezeichnete Partnerschaftsbindung in einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung aufgelöst werden sollte: „Treue ist die Weltanschauung der Gehemmten“. Dass aber tief genug hinterfragt, Eifersucht nicht einfach durch neue Ideologie abgeschafft wurde, weiß jeder, der in der Zeit lebte.

Worin liegt das Positive der Eifersucht in einer beiderseits akzeptierten offenen Beziehung? (Anmerkung: Eifersucht ist ein zusammengesetztes Substantiv, bestehend aus Eifer und Sucht; Wikipedia sieht die Zusammensetzung anders: von indoeuropäisch ai = Feuer; althochdeutsch eiver = das Herbe, Bittere, Erbitterung und althochdeutsch suht = Krankheit, Seuche; die Erbitterung erfasst ein inneres Feuer, das sich seuchenartig entwickelt.)

  1. Dem, der die Eifersucht spürt, der die Schmerzen wahrnimmt, der wird sich bewusst, dass er liebt; anders gesagt, Eifersucht enthält die Bedeutung der Verstärkung oder des Wiederfindens des Liebesgefühls. Man sollte sich in der Entwicklung einer Beziehung nicht täuschen: der mit sehr vielen Ereignissen und Zwischenfällen gespickte Lebensalltag überdeckt das Liebesgefühl; es wird dem Gefühl ’normal‘, dass der Partner da ist. Extrem gesagt: der Partner wird zu einem persönlichen Inventargut – der Tod einer Beziehung! Für ein Paar, das eine offene Ehe beschlossen hat, wird genau dieses Gefühl, der Partner wird zum Inventargut, nicht entstehen.
  2. Derjenige, der außerhalb der Beziehung eine zweite Beziehung aufbaut, der wird sich der Vielfalt des Lebens bewusst. Das wiederum erzeugt ein positives Lebensgefühl, was sich auf die Paarbeziehung auswirkt.

Es hat den Anschein in diesen Zeilen, als würde nichts besser sein als die offene Beziehung; inzwischen hat sich ja auch der Ausdruck Polyamorie, ein Mensch liebt mehrere Mitmenschen, etabliert. Wie viel Tier steckt eigentlich in uns, dass wir eine solche Situation gar nicht aushalten oder sogar verdammen würden? In einem Psychologie- Lexikon findet sich: „Herdeninstinkt, manchen Tierarten eigene Tendenz, in Herden zusammenzuleben, wird auch auf die Tendenz des Menschen übertragen, sich in Gruppen zusammenzufinden“ und zu diesem Herdentrieb gehört auch das Bewusstsein, dass eine Herde einen Herdenanführer hat, in dem das Besitzdenken und der Beschützerinstinkt verankert ist. Es stellt sich für mich die Frage: sind wir in einer Weltepoche, in der dieses Besitzdenken verloren geht und der Beschützerinstinkt zu einem Merkmal der Sozialkompetenz rückentwickelt wird?

Schreib einen Kommentar